Die Küche zum Wohlfühlen

Welche Komponenten darüber entscheiden, wie glücklich wir sind

Wie definiert man eigentlich Glück? So individuell die Antwort auf diese Frage von jedem Einzelnen von uns wohl ausfällt, so einig sind sich Psychologen, Soziologen und selbst Ökonomen: Es geht darum, dass wir uns wohlfühlen, sagt der Volkswirtschaftler Karlheinz Ruckriegel in einem Interview mit der National Geographic.

Die tatsächliche Antwort ist natürlich um einiges komplexer. Doch selbst, wenn man persönliche Ziele, Lebensumstände und Gefühle hinzuzieht, spielt immer dort, wo sich ein Quäntchen Glück finden lässt, am Ende auch das Wohlgefühl eine Rolle. Weil wir uns dann nach Herzenslust freuen können, ohne uns zu verstellen. Weil wir etwas erreicht haben, mit dem wir zufrieden sind. Oder weil wir uns fallenlassen und geborgen fühlen können.

Durch diese Brille betrachten auch Interior Designer ihre Arbeit – oder vielmehr, die vier Wände ihrer Kundinnen und Kunden: Was kann das eigene Zuhause dazu beitragen, dass wir uns willkommen und wohl fühlen? Wie verknüpft man eine moderne, geradlinige Einrichtung mit persönlichem Wohlgefühl? Und wie ist das in der Küche, wo Stoffe und Pflanzen – zwei sichere Komponenten für mehr Wohnlichkeit – eher selten ihren Platz finden?

Die Küche zum Wohlfühlen
© SieMatic

Die Küche zum Wohlfühlen: diese Komponenten spielen eine Rolle

Wohlgefühl und Wohnlichkeit gehen in unserem Zuhause Hand in Hand. Wohnlichkeit hat dabei nicht zwangsläufig etwas mit überbordender Ausstaffierung zu tun: Zwar wirken „angefüllte“ Räumlichkeiten zunächst einmal interessanter auf uns als solche, die sich auf kargen Minimalismus beschränken. Manch einer mag aber vermutlich eher ein Wohlgefühl empfinden, wenn alles seinen angestammten Platz hat und aufgeräumt ist.

Übertragen auf die Küche bedeutet das, dass der Landhausstil mit seinen auffälligen Stilelementen (Rahmenfronten, Bordüren, Vitrinenschränke) zwar von vielen als „gemütlich“ beschrieben, aber eben oftmals auch als überdrüssig und altmodisch empfunden wird.

Schnell wird klar: Um eine Küche zum Wohlfühlen zu schaffen, müssen andere Kriterien gesetzt werden. Dazu zählen in der modernen Küchenplanung die Elemente Licht, Individualität, Farben – und die richtige Mischung aus Offenheit und Privatsphäre.

Licht

Erstaunlicherweise kommt der Lichtplanung im Vergleich zum Möbeldesign oftmals eine nachgelagerte Stellung zu. Dabei kann eine außergewöhnliche Designleuchte im Küchen- und Wohnraum alle Blicke auf sich ziehen. Fürs Wohlgefühl sorgt Licht allemal: So setzen Küchenplaner mittlerweile auf verschiedene Lichtquellen, um nicht nur ein kühles und konzentriertes Arbeitslicht in die Küche zu integrieren, sondern auch softe Spots und indirekte Beleuchtung für eine warme Atmosphäre, in der man gerne länger verweilt.

Zudem haben auch Möbelhersteller die Bedeutung von Licht erkannt, dass ihre Möbel in Szene setzt. So werden viele Küchenmodule wie Hängeschränke oder Arbeitsplatten mit umlaufender Griffleiste mittlerweile mit LED-Leuchtstreifen ausgeliefert, die an verschiedenen Punkten in der Küche für wohlwollendes Licht sorgen. Viele kleine Lichtquellen sorgen anschließend dafür, dass ein großes, zentrales Licht oft gar nicht mehr angesteuert werden muss. Wohnlichkeit strömt aus jedem Eck.

Die Küche zum Wohlfühlen
© Ekaterina Bolovtsova

Farben

Die Wirkkraft von Farben ist bekannt. Allerdings geht die Rechnung nicht so leicht auf, wenn man helle Töne mit Leichtigkeit und Harmonie gleichsetzt und dunkle Töne mit Schwermut. In der Küche können weiße Modelle ebenso kühl und abweisend wirken, wie schwarze oder graue Küchen ein ruhiges und besonnenes Gefühl der Eleganz und Erhabenheit ausstrahlen.

Interior Designer setzen gern auf einen angenehmen Dreiklang aus Farben, um einen Raum Struktur zu verleihen, ohne ihn optisch zu überfrachten und damit unbewusst Überforderung auszulösen. Grundsätzlich wichtiger als die individuelle Farbgebung einer Küche ist ihre harmonische Einbettung ins Raumdesign. Daher werden Küchenmöbel zunehmend als Sideboards und Wandmodule im Wohnbereich eingesetzt, mit denen eine einheitliche Farbskala angesteuert werden kann.

In welche Richtung Sie auch bei Ihrer persönlichen Küche zum Wohlfühlen gehen möchten: Denken Sie daran, dass eine solide Farbbasis die Grundlage für eine außergewöhnliche Platzierung von farbigen Accessoires sein kann, die Sie nach Lust und Laune – und vor allem viel schneller – wieder austauschen können, als beispielsweise eine schrille Farbe für Küchenfront und Nischenauskleidung.

Individualität

Was macht einen Küchenraum individuell? Sicher, die einfache Antwort wäre: Die gewählte Farbe. Die gewählte Form. Die gewählten Materialien. Tatsächlich geht Individualität aber darüber hinaus. Es ist die Entscheidung für ganz persönliche, wohnliche Accessoires und Utensilien, die wir in unsere Küche integrieren wollen.

Wer gern kocht, freut sich jeden Tag wieder über ein gut sortiertes Fach mit Gewürzen oder die Einschubvorrichtung an der Küchenrückwand, an der Messer, Schneebesen und Kelle griffbereit hängen. Wer gern Gäste einlädt, setzt mit Vorliebe seinen Weinklimaschrank in Szene; womöglich mit attraktiver Unterleuchtung und auf Augenhöhe, sodass die darin lagernden Flaschen ansehnlich präsentiert werden. Wer sich für Kunst interessiert, nutzt die Küche als stilvolle Ausstellungsfläche mit offenen Vitrinen und Glasschubkästen innerhalb der Kücheninsel. Und wer einfach die Kunstwerke seiner Kinder gern ausstellen möchte, freut sich über den Edelstahl-Kühlschrank mit doppelflügliger French Door-Ausstattung und viel Platz von außen wie von innen.

Individualität in der Küche liegt im Detail – und macht einen architektonisch durchdachten Raum zu einem Ort des Wohlgefühls.

Offenheit und Privatsphäre

Wie so oft im Leben gilt: Die Mischung macht’s. Das trifft auch auf die Gestaltung der Küche zu, in der wir uns wohlfühlen sollen. Die Öffnung der Küche hin zum Wohnraum rückt das Nischendasein des Kochens und Arbeitens als zentralen Bestandteil unseres Alltags in den Fokus und zelebriert das Zusammensein. Dennoch sind offene Küchen nicht nach jedermanns Geschmack: So mancher Bäcker möchte eben in Ruhe an neuen Rezepten tüfteln; so manche Köchin konzentriert arbeiten, bevor die Gäste kommen.

Ein Ort zum Wohlfühlen wird die neue Küche dann, wenn eine ausgewogene Balance zwischen den Komponenten Offenheit und Privatsphäre herrscht. Das lässt sich bereits mit kleinen Kniffen realisieren: beispielsweise, indem man auf die einladende Barzeile an der Kochinsel verzichtet und die Familie lieber an einen angrenzenden, gemütlich gestalteten Esstisch platziert. Oder, indem man deckenhohe Sideboards einsetzt, die von beiden Seiten mit Pflanzen, Objekten und Kochbüchern bestückt werden und somit zwar durchlässig sind, aber auch Blickschutz bieten. Mauervorsprünge, Gerätehochschränke oder Einschubtüren, die sich nach getaner Arbeit verschließen – es gibt viele Möglichkeiten, eine offene Küche wohnlich und dezent abgegrenzt zu gestalten. Wo ein bisschen Privatsphäre bleibt, fängt Wohlgefühl an.

Eine Handvoll einfacher Lösungen

Natürlich gibt es sie noch, die einfachen Patentrezepte. Frische Blumen und Grünpflanzen helfen immer, einer kühlen Atmosphäre Fröhlichkeit und Wohnlichkeit zu entlocken. Auch fließende Stoffe – Vorhänge am Fenster, die Geräusche dämpfen, ein Teppich unter dem Küchentisch, der für warme Füße sorgt, eine einladende Auswahl an Kissen auf der Küchenbank – sind ein Garant für Heimeligkeit. Sie werden nur selten gewählt, weil sie Gerüche anziehen und möglichst waschbar sein sollten. Aber warum nicht? Für unsere persönliche Definition von Glück darf man sich ruhig auch etwas anstrengen – und dann tagtäglich aus den Vollen schöpfen, wenn wir uns so richtig wohlfühlen.  Redaktionsleitung: Susanne Maerzke