Dorf oder Stadt?

Werneuchen bleibt einfach Werneuchen

Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ist eine reiche Quelle, um die Dynamik der Urbanisierung greifbar zu machen und gleichzeitig positiv in die Zukunft zu schauen. Vor über 150 Jahren schrieb Fontane darüber, dass Werneuchen Dorf, Stadt oder ein Fleck auf der Landkarte sei. Es gab stets Merkmale, die Werneuchen über den Status eines Dorfes hoben. Gleichzeitig bewahrte sich die heute als Kleinstadt bezeichnete Perle im Barnim ihre beschauliche und idyllische Aura.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

In Werneuchen, zwischen Bernau im Norden und Strausberg im Ost gelegen, ist die Zeit an einigen Stellen tatsächlich stehen geblieben, gibt es an anderer Stelle den größten Solarpark Deutschlands, verläuft ein Teil des brandenburgischen Jakobswegs von Frankfurt-Oder nach Bernau und ringsherum ganz viel Natur. Im beliebten Speckgürtel der Hauptstadt finden die Bewohner Ruhe und modernen Wohnkomfort. Was gibt es Schöneres als mit den Jahreszeiten zu leben, die Kinder in einer geschützten Umgebung aufwachsen zu sehen und gleichzeitig in 30 Autominuten am Alexanderplatz zu sein?

Werneuchen gehört zu den bislang unentdeckten Schmuckstücken der Metropolregion Berlin-Brandenburg. Es gibt noch kleine Ortsteile mit wenigen Häusern, von Bäumen gesäumte Alleen, Felder und unverbaute Natur. Hier scheint die Freiheit tatsächlich grenzenlos zu sein. Derzeit wohnen auf circa 117 km² nur circa 9.261 Einwohner, während in Charlottenburg-Wilmersdorf auf der Hälfte der Fläche immerhin 333.998 Menschen leben. Trotzdem findet sich eine Übereinstimmung, denn zu Werneuchen gehört der ganz im Norden gelegene Ortsteil Wilmersdorf. Die große Überraschung von Werneuchens Wilmersdorf ist die imposante Doppelturm-Kirche. Sie soll laut Überlieferung um 1250 entstanden sein. Eingefasst von einer Feldsteinmauer erhebt sich das schlichte Gebäude mit seinen Granitquadersteinen und zwei Türmen in rotem Backstein, die nach einem Brand im Jahr 1897 anschließend neu errichtet wurden, über den Dorfanger. Sie gehört zu den ältesten Sakralbauten des Landes Brandenburg. Eine weitere Institution mit Tradition in Wilmersdorf ist das Restaurant Märkischer Hof, wo es heute italienische Küche gibt. Wie vor 100 Jahren findet das Leben rund um den Anger statt.

Die kleine Weltstadt Werneuchen

Theodor Fontane fand seinen Zugang zu Werneuchen über den Autor Schmidt von Werneuchen, eigentlich Friedrich Wilhelm August Schmidt (*1764, †1838). Fontane stellte in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ sogar folgendes Gedicht von Schmidt an den Kapitelanfang über Werneuchen:

Wenn vor des Pfarrhofs kleinen Zellen
Nun bald die Lindenknospen schwellen,
Wenn Vögel in den Ahorn-Hecken
Die weißen Eierchen verstecken,
Dann kommst Du, unsres Glückes froh,
Im Hute von geflochtnem Stroh,
Zu athmen hier voll Veilchenduft
Werneuchen’s reine Frühlingsluft.

Linden, Ahorn und ein lieblicher Duft im Frühling, was für eine Idylle. Kommen Sie heute mit dem Auto nach Werneuchen, dann lassen Sie die Hauptstadt im Rückspiegel und nach Ahrensfelde, Blumberg und Seefeld-Löhme hinter sich und werden über einen grünen Teppich ins Herzen Werneuchens gelangen. Erwarten Sie bitte keinen großen Marktplatz, denn recht unprätentiös steht das schmucke Rathaus an einer Nebenstraße. Es wird umgeben von Geschäften, Restaurants und der Landbäckerei Tannfeld. Es sind kleine gepflegte Häuser. Eine Ausnahme bilden das Schloss Werneuchen und die Kirche St. Michael. In diesem Bereich – gleich neben Stienitzfließ und Hoher Graben – soll sich auch die mittelalterliche Gründungssiedlung befunden haben. Ebenso wie in Wilmersdorf ist die Kirche eine Collage aus mittelalterlichen Elementen und Neuschöpfungen des 19. Jahrhunderts. Gefühlt ist die Kirche der Inbegriff unserer märkischen Baukultur, was aber jeder für sich selbst herausfinden muss. Dagegen ist das Schloss Werneuchen an der Berliner Allee ein Prunkbau, welchen der Berliner Unternehmen Robert Stock im Jahr 1913 für seine Tochter errichten ließ. Im Laufe der Zeit haben sich entlang der Berliner Allee, die weiter nördlich zur Freienwalder Straße wird, zahlreiche Geschäfte, Übernachtungsangebote, Supermärkte und kleine Handwerksbetriebe angesiedelt. Sie sichern den Einwohnern ein bequemes Erledigen der täglichen Dinge.

Am nördlichen Rand von Werneuchen ist der Bahnhof, wo die RB25 zum Berliner S-Bahnhof Ostkreuz mit Zwischenstopp u. a. in Ahrensfelde und Lichtenberg hält. Die bequeme Fahrt dauert pro Strecke circa 40 Minuten. Am Bahnhof hält ebenso der Bus nach Bernau und Bad Freienwalde sowie Ahrensfelde. Auf der anderen Ortsseite entwickelt sich der ehemalige Flugplatz zu einem Zukunftsstandort. Hier hat sich der Event-Hangar in den letzten Jahren mit seinen vielfältigen Angeboten sogar über Werneuchen hinaus als beliebte Location etabliert. Für Liebhaber von Vintage-Looks gibt es zwei historische Flugzeughangar mit schweren Rolltoren als perfekte Foto-Location.

Vielfalt und ganz viel märkischer Sand

Zur Kleinstadt Werneuchen gehören die Ortsteile: Hirschfelde, Krummensee, Schönfeld, Seefeld-Löhme, Tiefensee, Weesow und das bereits erwähnte Wilmersdorf. Jeder Ortsteil besitzt seinen ganz besonderen Charme. Weesow besteht nur aus wenigen Straßen und hat im westlichen Teil mit dem Weesower Luch ein 60 Hektar großes Landschaftsschutzgebiet. In Weesow ist vor allem für Kinder der Balancia Pferdehof ein Paradies, denn hier lernen sie das kleine „Reiter ABC“, können auf Ponys Ausritte machen und fühlen sich auf dem Rücken der Pferde schnell wohl. Ebenso stattlich wie die Pferde ist die Dorfkirche mit ihrem wehrhaften Turm und ringsherum einige alte Grabsteine. Ganz im Norden von Werneuchen liegt der Ortsteil Schönfeld umgeben von großen Feldern. Er hat circa 377 Einwohner. Der Blick über den Dorfteich ist nur als malerisch zu beschreiben, denn zwischen den Bäumen leuchten hell verputzte Fassaden mit Stuck ebenso hervor wie alte Ziegel- und Backsteinbauten. Hier wird nicht alles auf hübsch getrimmt, sondern wirkt authentisch. So fehlt bei der alten Dorfkirche ein Teil des Mittelschiffs und der Apsis, die als Ruinen erhalten blieben.

Folgen Sie von Werneuchen aus der Freienwalder Straße, dann kommen Sie nach einem Waldgebiet in Tiefensee an. Wenn in den Sommermonaten die Sonne brennt, dann finden Sie in Tiefensee doppelte Abkühlung, denn die hohen Bäume schaffen ein angenehmes Klima und der Gamensee bringt die ersehnte Erfrischung. Bereits in den 1920er Jahren ein beliebtes Ausflugsziel, ist Tiefensee heute noch ein Geheimtipp. Ansonsten bietet eine Draisinen Fahrt sportliche Betätigung und Ausgleich zum Alltag. Östlich vom Flugplatz Werneuchen kommt das beschauliche Hirschfelde mit dem weitläufigen Gutspark. Berühmtester Bewohner von Hirschfelde ist der Schweizer Moderator und Schauspieler Max Moor. Berliner Luft dürfte in Seefeld-Löhme und Krummensee in der Luft liegen. Diese beiden Ortsteile von Werneuchen trennen nur wenige Felder von Blumberg und somit der Gemeinde Ahrensfelde – hier verläuft bereits der Berliner Ring. In Seefeld-Löhme schließt sich der Kreis unserer kleinen Entdeckungstour. Ein Spaziergang ist noch der Haussee wert, denn eine Umrundung ist fünf Kilometer lang und bietet wunderschöne Liegewiesen, einen Schilfgürtel für seltene Tierarten und sanfte Ufer. Kommen Sie doch auch einfach mal nach Werneuchen!

Dr. Carsten Schmidt